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Wo liegt der Schlüssel zur Schizophrenie?

"Chronische Produktivsymptomatik", "chronische Patienten", "Schizophrene mit Negativsymptomatik", "gestörte Lernprozesse schizophrener Patienten"..., all dies sind Ausdrücke aus dem Programmheft zur Tagung.

Es fällt mir auf, daß dabei überwiegend auf Defizite Schizophrener Bezug genommen wird. Ich glaube, diese einseitige Fokussierung auf Defizite ist nicht der richtige Ansatz, um Schizophrenen langfristig zu helfen.

Eine "Gesellschaft für die Therapie Schizophrener" muß sich nicht nur fragen, wo Schizophrene Defizite haben, sondern vor allem: Wo liegen die Ressourcen und Stärken schizophrener Klienten und wie können wir auf ihnen aufbauen?!

Zum Beispiel sind viele Schizophrene sozial sensibler als sog. Normale und nicht nur vulnerabler. Viele sind Seismographen, die als erste neue Entwicklungen in ihrer sozialen Umgebung oder der Gesellschaft bemerken und sie äußern. Zudem sind Schizophrene - so ist meine Erfahrung - in der Regel sozial kompetenter als die sog. Gesunden. Das mag Sie verwundern? Aber ich ziele nicht auf soziale Durchsetzungs- oder Wettbewerbsfähigkeit, sondern auf die Fähigkeit, Aktzeptanz und Wärme zu vermitteln und einem Gegenüber das Gefühl zu geben, aktzeptiert und verstanden zu werden.

Eine kleine Gschichte:

Mitten in der Nacht beobachtet ein Passant einen Mann, der um eine Laterne herumstreicht und offensichtlich etwas sucht. "Kann ich Ihnen helfen?", fragt der Passant."Ja! Ich habe meinen Schlüssel verloren. Sie können mir helfen ihn zu suchen." antwortete der Mann. Beide suchen eine 1/4, eine 1/2, eine 3/4 -Stunde im Umkreis der Laterne. "Ich kann nichts finden", ruft schließlich der Passant verärgert. "Wo genau haben Sie denn ihren Schlüssel verloren?" "Da vorne um die Ecke!", sagt der Mann. "Warum suchen wir dann hier?" fragt der Passant verwundert. Der Mann antwortet:"Weil es da vorne dunkel ist, da kann man doch nichts sehen, geschweige denn finden." 

Die Psychiater und Psychologen, die Schizophrenie erforschen, gleichen in aller Regel dem Mann in der Geschichte, der seinen Schlüssel nur im Umkreis der Laterne sucht.

- Sie konzentrieren sich auf dürre - scheinbar objektive - Tests oder die Beschreibung von leicht erfassbaren defizitären kognitiven Fähigkeiten, weil es der einfachste Weg ist. Sie kümmern sich nicht um die individuelle soziale, geistige und emotionale Biographie schizophrener Klienten.

- Sie pressen alle in die fragwürdige Schublade schizophren, oder schizo-affektiv, aber sie weigern sich, auf die Einzigartigkeit von Menschen -auf die kein Schema passt- einzugehen.

- Sie verabreichen Psychopharmaka und versuchen nicht - nach einer psychotischen Episode - die Psycho-, Sozio - und Ökodynamik der Symptome (z.B. des Wahns) zu verstehen, um durch Einsicht und die Stärkung stabiler kognitiver Strukturen oder den Aufbau neuer, gesunder Strukturen und Lebenseinstellungen, die Klienten zu heilen oder zumindest einen Rückfall unwahrscheinlicher zu machen.

- Erforscht und gesucht wird nach sog. obejektiven Befunden und Methoden. Außer acht gelassen wird das intensive Gespräch, die Erforschung des subjektiven Erlebens und subjektiven Äußerns. Aber mit der heute gültigen Forschungsstrategie wird man den Schlüssel zu Schizophrenie nicht finden, weil man wie in der obigen Geschichte nur im hellen scheinbarer Objektivität sucht- und nicht im scheinbaren Dunkel der Subjektivität. Nur durch das Eingehen auf das subjektive Erleben und das Verstehen der individuellen Krankheitsgeschichte und Symptomatik der Erkrankten, können neue wirksamere Konzepte und Erkenntnisse - Schlüssel zum Formenkreis der Schizophrenie - gefunden werden. Ich denke, das Ergebnis der letzten 15 Jahre Schizophrenieforschung, die ich verfolgt habe, geben mir Recht.

Autor: Dipl.-Psych. Peter Pirron - Mitglied der Mannheimer Initiative Psychiatrie Erfahrener (MIPE); des LAG PE BW & des Bundesverband Psychiatrie - Erfahrener (BPE). 68163 Mannheim, Donnersbergstr.15

 

 

 

 

   
© Benjamin Vetter